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Brünner Architekturmanual

 

Gebäude

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Jakubské náměstí 109/1 (Město Brno) Brno Střed

Öffentlicher Verkehr: Náměstí Svobody (TRAM 4)

Česká (TRAM 4, 5, 6, 7)

Česká (TRAM 3, 11, 12, )

Česká (TROL 32,34,36)

GPS: 49.19636N, 16.60859E

 

Architekt

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Im Frühjahr des Jahres 1927 organisierte der Landesverband der Gastwirte und Cafébetreiber für Mähren und Schlesien eine zehntägige Studienreise durch Frankreich. Besitzer von Cafés, Restaurants und einige Brünner Architekten besuchten modernste französische Caféräume, um hier Erkenntnisse über die neusten stilistischen Trends, technische Neuheiten und Konstruktionsmöglichkeiten zu erwerben. Eine Reihe dieser Neuheiten fand auch im Entwurf für das Café Savoy seinen Niederschlag, den der Architekt Jindřich Kumpošt für den Cafébesitzer Jan Nekvapil erstellte.

Das Café entstand 1929 im Eckgebäude des ehemaligen Thonethofs auf dem Platz Jakubské náměstí. Hier befand sich viele Jahre im Erdgeschoss ein altes deutsches Café. Die Lizenz zu dessen Betreiben konnte Nekvapil aber lange nicht erhalten. Er entschied sich deshalb zur Umwandlung des historisierenden Objekts in ein Hotel, die der Architekt Kumpošt als zweigeschossigen Aufstockung realisierte. Nach Erhalt der Konzession übertrug Nekvapil Kumpošt auch den Umbau des Erdgeschosses und ersten Obergeschosses zu einem großzügig geschnittenen Caféraum.

Der Architekt wählte eine anspruchsvolle konstruktionelle Lösung, die eine Verbindung der zwei Ebenen ermöglichte. Durch Verwendung von Stahl- und Stahlbetonkonstruktionen konnte er die Innenwände abreißen, die Decke im Erdgeschoss absenken oder ganz entfernen und die Fensteröffnungen deutlich vergrößern. Zentrales Element im Interieur wurde der genietete Eisenpfeiler, der das einzige neue, sichtbare tragende Elemente im Hauptraum des Cafés ist. Damit der Raum in der Ecke mit Blick auf den Platz zum Sitzen für die Gäste frei wird, wurde der neue Eingang des Cafés zur Straße Behounská verlegt. Hinter dem Eingang befand sich ein einmaliges, mit Aufzug versehenes Kleidersystem, das die Ablage der Kleider im Souterrain und damit eine Vermischung der Mantelausdünstungen mit der Caféluft verhinderte, dessen Frische durch ein modernes Belüftungssystem und eine automatische Ventilation gewährleistet wurde. Die Luft wurde in besonderen Kammern gesäubert, mit Ozon angereichert, befeuchtet und mit Waldharzduft aufgefrischt. Die Heizung reagierte dank einiger im Café platzierter, elektrischer Thermometer selbsttätig auf Temperaturänderungen. Ein ähnliches einzigartiges technisches System ist aus der Villa Tugendhat von Mies van der Rohe aus dem Jahre 1930 bekannt.

 

Das Erdgeschoss des Cafés war mit Travertin verkleidet und durch den mit Onyx verkleideten, zweiläufigen Treppenaufgang mit dem Obergeschoss verbunden. Die Caféräume setzten sich auf der Galerie fort, wo sich auch ein Spielzimmer, eine Küche und Toiletten mit weiteren Garderoben befanden. Von der Küche führte eine separate Treppe ins Café, über die die Keller schnell zu den Gästen gelangen konnten, ohne dass ihr Vorwärtskommen durch den Betrieb im Café eingeschränkt wäre. Die Wände des ersten Obergeschosses waren mit grauem Plüsch verkleidet und der Boden mit rotem Plüschteppich ausgelegt. Lichtelemente bildeten die Neonbeleuchtung sowie durchleuchteter Alabaster und Onyx. Die Damentoiletten waren in ihrer Ausstattung wie Friseursalons angelegt. An den Cafétischen waren Haken für Hüte und Damenhandtaschen angebracht. Für die musikalische Kulisse der Gäste sorgte eine Live-Kapelle auf dem Balkon über dem Treppenaufgang oder ein Rundfunk-Lautsprechersystem. Im Sommer konnten alle Fenster des Cafés ganz herausgeschoben und im Erdgeschoss aufgeschoben werden, sodass der Innenraum mit dem Treiben auf der Straße verschmolz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Caféraum grundlegend verändert. In den fünfziger Jahren entstand hier eine Textilverkaufsstelle „Výběr“ und ein großer Teil der Ausstattung wurde vernichtet. Die Fenster mit Balkon im ersten Obergeschoss des Eckportals wurden zugemauert, wohin auch wieder der Haupteingang verlegt wurde. 2008 erfolgte eine radikale Rekonstruktion, bei der zwar die ursprüngliche Funktion des Innenraums wiederhergestellt wurde, in dem der Treppenaufgang aus Onyx erhalten wurde. Die ehemaligen, vielseitigen architektonischen und technischen Qualitäten erreicht das neue Interieur aber nicht.

 

Literatur

 

 

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